Wertungen – Zeitgerecht oder längst überholt?

In den letzten Wochen haben gleich zwei große Seiten angekündigt, bei Testberichten künftig auf Wertungen zu verzichten. Zunächst kündigte Joystiq an, die Scores zu verbannen. Nun zog auch Eurogamer nach. Doch Joystiq und Eurogamer sind nicht allein. Einige – teilweise sehr bekannte – Magazine und Seiten verzichten schon länger darauf unter ihre Reviews Zahlen zu schreiben. So steht bei Kotaku in den Tests nur ein „Yes“, „No“ oder „Not yet“.

Eine Entwicklung, die ich definitiv begrüße. Früher war ich selbst jemand, der sich an diesen Zahlen orientiert hat. Doch inzwischen bin ich zu der Einsicht gekommen, dass diese im Grunde genommen überhaupt nicht hilfreich sind. Viel wichtiger ist für mich, was der Autor eines Reviews über ein Game zu sagen hat. Welche Zahlen dann letztlich unter dem Artikel stehen, ist für mich nicht entscheidend. In meiner Sammlung befinden sich etliche Spiele, die einen eher niedrigen Score bei Metacritic haben – und mich dennoch zahlreiche Stunden gefesselt und begeistert haben.

So stelle ich zum Beispiel immer wieder fest, dass kleine Indiespiele gern mit niedrigen Wertungen versehen werden, obwohl diese wirklich mit viel Liebe entwickelt wurden. So mancher Tester neigt allerdings dazu, bei diesen mit wenig Budget entstandenen Projekten Maßstäbe anzusetzen, die dann genauso für AAA-Projekte gelten. Doch kann ich wirklich ein Spiel, welches am Ende rund 60 Euro kostet und eventuell sogar noch Premium-Service, Season Pass und sonstige DLCs anbietet, mit einem Spiel, welches rund 20 Euro oder sogar viel weniger kostet, vergleichen? Meiner Meinung nach ist dies schlicht und ergreifend nicht möglich. Ich kann mich ja auch nicht in ein günstiges Auto setzen und erwarten, dass dieses die Eigenschaften eines teuren Luxuswagens mitbringt und genauso luxuriös ausgestattet ist.

Ein anderes Problem waren für mich immer wieder Spiele aus der Rubrik Retro. Schaut man sich entsprechende Tests und dann die Tester an, fällt eines oft auf: Eher ältere Tester neigen bei solchen Reviews eher zu höheren Wertungen, als vergleichsweise junge Reviewer. Vielleicht weil die älteren Semester so manches Mal noch die Originale kennen und den „Flair“ für solche Games haben?

Natürlich kann ich von der Generation Call of Duty – wie ich sie gern nenne – nicht erwarten, dass sie auf Spiele wie Space Invaders abfährt und einem Remake viel abgewinnt. Ohnehin hat jeder seinen eigenen Geschmack, was auch absolut in Ordnung ist und eine gute Sache. Schließlich sorgt genau diese Tatsache dafür, dass es so viele unterschiedliche Genres und Subgenres gibt. Doch was wenn ein Tester aus der Generation Call of Duty ein solches Spiel testen muss und dann auch noch bewerten soll? Ich möchte mit diesen Aussage keinesfalls behaupten, dass nicht auch jüngere Gamer solche Sachen mögen. Doch bei Tests ist mir leider immer wieder aufgefallen, dass solche Titel bei eher jüngeren Testern oft unnötig schlecht wegkamen.

Liest man hingegen einen Artikel, kann man daraus gewisse Dinge herausfiltern. Dazu kommt, dass man Tester ganz gut „kennt“, wenn man regelmäßig ihre Beiträge liest. So weiß man in der Regel irgendwann, dass Reviewer X eigentlich gar nicht auf Shooter steht und Reviewer Y total auf Retrospiele abfährt und da gern die rosarote Fanbrille trägt, während Reviewer Z ein großes Herz für Indiespiele hat. Worte können zudem viel mehr ausdrücken, als ein paar Zahlen.

Doch da allein sehe ich nicht das Problem bei Wertungen. Diese verleiten nämlich auch dazu, Spiele miteinander zu vergleichen. Doch kann man so etwas wirklich? Natürlich bieten sich manchmal Vergleiche geradezu an, aber oft sind diese gar nicht möglich. Selbst innerhalb eines Genres sind sie meist sehr schwer. Wie möchte ich einen Shooter mit Augenmerk auf Singleplayer im Vergleich zu einem Multiplayer-Shooter bewerten? Kann ich den Umfang eines von wenigen Leuten entwickelten Rollenspiels mit dem eines Projekts von einem großen Entwicklerstudio vergleichen? Hat man erst einmal Zahlen, hat man auch einen Ansatz für Vergleiche. Nur macht dieser wenig Sinn.

Auch ich habe schon häufig Testberichte mit Wertungen versehen (müssen). Ein Freund bin ich davon allerdings nicht. Egal wie lange ich mich mit einem Spiel beschäftigt habe, es fällt mir doch immer wieder schwer, am Ende die „richtigen“ Zahlen zu finden. Vor allem Spiele wie Deadly Premonition machen einem das Leben schwer, wenn man sie letztlich bewerten soll. Was gibt man einem Spiel, welches eine fesselnde Story hat und auch beim Gameplay nette Ansätze zeigt, aber technisch eine ziemliche Katastrophe ist?

Und dann ist da noch die Sache mit den persönlichen Vorlieben. Als Tester ist man trotzdem nur ein Mensch und als solcher mag man nun einmal manche Dinge mehr als andere. So kann ich zum Beispiel nur wenig mit Sportspielen anfangen. Egal wie viel Mühe man sich bei einem Review auch gibt … ohne eine gewisse Subjektivität geht es einfach nicht. Wir sind schließlich alle nur Menschen und keine Maschinen. Als solcher neigt man aber eben auch dazu, Dingen die einem mehr liegen auch eher eine höhere Wertung zu geben.

Deshalb findet ihr auf dieser Seite auch keine Wertungen unter den Reviews. Ich möchte nicht, das die Leser in Versuchung kommen Spiele miteinander zu vergleichen, die dies nicht zulassen. Darüber hinaus stehe ich nicht darauf, wenn ein Game auf ein paar Zahlen reduziert wird. Egal ob eine Wertung nun aus einer, oder mehreren Zahlen besteht, Worte sagen unterm Strich doch deutlich mehr aus. Natürlich ist auch hier wieder der persönliche Geschmack gefragt – nicht jeder sieht Wertungen so negativ wie ich. Doch da draußen gibt es genug andere Seiten, die sich mit Games befassen und Spiele bewerten. Wer Wertungen sucht, wird also an anderen Stellen fündig.

Es mag einmal Zeiten gegeben haben, in denen Wertungssysteme mehr Daseinsberechtigung hatten. Früher gab es deutlich weniger Spiele, deutlich weniger Genres und von Subgenres ganz zu schweigen. Damals hat es vielleicht tatsächlich Sinn gemacht, einen Vergleich via Zahlen zuzulassen. Doch damals ist lange her. Spiele sind längst unglaublich vielfältig geworden. Daher finde ich auch deren Bewertung völlig überholt. Natürlich war jedes Spiel schon immer auf seine Art einzigartig und so soll es auch bleiben.

Es mag sein, dass manche Publisher sogar großen Wert auf die Bewertung ihrer Spiele legen. Einige Zahlen sogar einen Bonus an Entwickler, wenn ein gewisser Score bei Metacritic erreicht wird. Doch schreibt man ein Review für den Publisher? Nein. Meiner Meinung nach sind Reviews für interessierte Gamer und Leser da und nicht um dem Publisher zu gefallen. Wenn es am Ende auch dort Anklang findet und sogar ein Lob gibt, ist dies ohne Frage schön. Doch dafür sollte ein Test nicht geschrieben werden.

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