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This War Of Mine: The Little Ones

This War of Mine: The Little Ones

Entwickler:         11 bit studios
Publisher:          Koch Media
Genre:              Survival
Plattformen:        PS4, Xbox One
Preis:              ca. 29,99 Euro
Offizielle Website: http://tlo.thiswarofmine.com/de/

Krieg mit dem Gewissen

Erst kürzlich entfachte in Deutschland eine Debatte über die Verteidigung der Landesgrenze. Politiker der AfD forderten notfalls auch Schusswaffen einzusetzen. Den meisten Wirbel löste dabei ein Facebook-Post aus, der auf die Frage ob denn auch auf Kinder geschossen werden solle mit Ja antwortete. Inzwischen wurde der Beitrag als „technischer Fehler“ abgetan. Das Thema polarisiert allerdings nach wie vor.

Während wir hier über die Eindämmung, Verteilung, Unterbringung und angemessene Versorgung von Flüchtlingen diskutieren, sterben in anderen Teilen der Welt täglich Menschen im Krieg. Darunter zahlreiche unschuldige Kinder. Das Antikriegsspiel This War of Mine: The Little Ones macht auf Kinder im Krieg aufmerksam.

Meine Geschichte in This War of Mine The Little Ones beginnt in einem mehrstöckigem Haus. Ruinen wären allerdings die treffendere Bezeichnung, da der tobende Krieg wenig von dem Gebäude übrig gelassen hat. Überall liegt Schutt und in den Hauswänden klaffen teilweise gigantische Löcher. In der Ferne sehe ich immer wieder ein Aufblitzen. Das Licht ist allerdings kein Wetterphänomen, sondern der Krieg. Bomben fallen im Hintergrund auf die Stadt, während, Emilia, Pavle und Cveta aus den Ruinen ihres Unterschlupfs retten, was zu retten ist. Mit bloßen Händen graben sie nach verwertbaren Teilen. Mittendrin spielt die kleine Kalina – eine Kriegswaise.

This War of Mine: The Little Ones Daddy

Emilia, Pavle, Cveta und Kalina sind Zivilisten, die gemeinsam versuchen zu überleben. Manche von ihnen hatten keine andere Wahl, andere haben zu spät eine Flucht in Betracht gezogen. Warum die vier im Kriegsgebiet Leben spielt letztlich auch keine Rolle – sie sind da und sie müssen überleben. Der Tag dient dabei vor allem als Vorbereitung auf die Nacht. Ich versuche die drei Erwachsenen ausschlafen zu lassen und gleichzeitig die Ruine, die ihr Unterschlupf ist, zu verbessern. Mit Brettern kann ich mich vor nächtlichen Plünderungen besser schützen, ein Ofen wird vor allem im Winter wertvolle Dienste leisten und mit Betten kann ich für erholsameren Schlaf sorgen. Bei Einbruch der Dunkelheit muss ich schließlich für die Nacht planen. Während die kleine Kalina Nacht für Nacht schläft, schicke ich einen der Erwachsenen zur Plünderung fort. Von den zwei verbleibenden darf nur einer schlafen, da ich eine Wache brauche, um nicht selbst Opfer von Plünderern zu werden.

Die ersten Tage verstreichen und ich bin froh, reiche Beute gemacht zu haben. Jeder kann täglich essen, der Unterschlupf hat schon bald ausreichend Betten und Kalina ist über ihre neue Schaukel sehr glücklich. Sie läuft summend durch das Haus, unterhält sich angeregt mit ihren Mitbewohnern und empfängt jeden Morgen Pavle an der Tür, wenn der von der Plünderung heimkehrt. Nach wenigen Tagen kann ich mir sogar ein Radio gönnen, welches mich mit Musik aufheitert und einige wenige Nachrichten sendet. Hoffnungsvoll lese ich vom nahenden Ende des Krieges, alles wird gut.

Der Sturm zieht auf

Einige Tage später beginnt die Stimmung jedoch zu kippen. Während bei Kalina „wohlgenährt“ in der Bio steht, gehen mir nach zwei mäßig erfolgreichen Nächten die Lebensmittel aus. Seit Tagen haben die Erwachsenen nur noch jeden zweiten Tag gegessen und ich ertappe mich dabei, wie ich über Kalina nachdenke. Soll ich dem Mädchen weiterhin täglich Nahrung geben, wo sie doch ohnehin wohlgenährt ist? Ich verfluche diesen Gedanken und hasse mich dafür, gleichzeitig drischt die Vernunft auf mich ein: „Kalina kann nicht plündern, sie kann keinen Schutt im Haus wegräumen, sie kann das Haus nicht verbessern … sie ist einfach nur da, spielt, spricht und braucht Nahrung. Sterben die Erwachsenen, ist sie ohnehin verloren.“ In der Tat können die Kinder nicht viel an Arbeitskraft beisteuern. Sie können ein paar Spielzeuge craften, sonst beschränkt sich ihr Tagesablauf aber vor allem auf Spiele und soziale Aspekte. Man kann mit den Kindern reden, sie aufheitern, mit ihnen spielen, oder sie zum Essen animieren.

This War of Mine: The Little Ones Stein, Schere, Papier

Die folgende Nacht soll dann alles verändern. Pavle durchsucht ein Haus, welches schon zu Beginn ziemlich vielversprechend wirkt. Plötzlich eilt ein Bewohner herbei, der mein Eindringen bemerkt hat. Rasch hebe ich die Fäuste, um ihn in Schrecken zu versetzen. Nur ein paar Schläge als Warnung … doch es kommt alles anders. Ich bin unbewaffnet und mein Gegner besitzt ein Messer. Der Mann sticht zu: einmal, zweimal … dreimal. Er verschont Pavle, der sich mit einer Handvoll Gütern zurück in den Unterschlupf schleppt. Die Verletzungen sind allerdings tödlich.

Kalina ist deprimiert, möchte nicht mehr spielen und ist ständig am Weinen. Noch schlimmer ist es, als Pavle die nächste Nacht nicht übersteht. Zu allem Überfluss verschwindet Emilia, die zu spät von der Plünderung nach Hause aufbricht und vom Tageslicht überrascht wird. Das Überleben von Kalina, Emilia und Cveta steht plötzlich auf dem Spiel. Dabei lief doch alles so gut. Nur eine einzige fatale Fehlentscheidung hat das Blatt gewendet. Ich hätte fliehen können, als ich die Personen im Haus bemerkte, aber die Verlockung von Nahrung und wertvollen Ressourcen war zu groß.

Wieder kämpfe ich mit meinem Gewissen … Ich bedaure beinahe schon, dass ich Pavle trotz tödlicher Verletzung habe essen lassen. Meine Vorräte sind beinahe aufgebraucht und ich bete, dass ein Händler an meiner Tür klopfen wird. Ich knirsche jedes Mal mit den Zähnen, wenn ich zahlreiche Güter gegen wenige Lebensmittel eintausche … aber ich will überleben. Jeder Tag zählt. Egal ob das Fleisch von einer Ratte aus meiner Falle stammt oder teuer vom Händler an der Tür ertauscht wurde … Essen ist Essen.

In This War of Mine: The Little Ones erlebt man immer wieder solche Gewissenskonflikte. Das Spiel lässt einen schonungslos die Auswirkungen des Krieges spüren und zeigt menschliche Abgründe auf. Wie soll man sich verhalten, wenn ein alter Mann bei einer nächtlichen Plünderung um sein Leben fleht? Er ist unbewaffnet und in seinem Haus befinden sich wertvolle Lebensmittel und Medikamente. Doch was wenn ich sie nehme? Die alte Frau ist krank und wovon sollen die beiden sich selbst ernähren? Nehme ich die Güter, könnte dies den Tod der beiden bedeuten. Denke ich einfach an mich, oder gehe ich mit leerer Tasche zurück in die Zuflucht?

Immer wieder ringe ich beim Spielen mit meinen Entscheidungen, werde nachdenklich und verfluche den Krieg. Immer wieder denke ich darüber nach, wie weit ich gehen soll, damit ich selbst überleben kann. Meine Handlungen machen allerdings nicht nur mir zu schaffen, sondern auch den Charakteren, die ich im Spiel manövriere. Die Stimmung der Gruppe kann sehr schnell kippen. Entscheide ich mich in einer solchen Situation wie der eben beschriebenen dafür die wehrlosen Zivilisten zu bestehlen, ringt mein Charakter mit sich. Doch auch der Rest der Gruppe ist niedergeschlagen. Kehrt man nach einem solchen Ausflug zurück, schlagen einem Verzweiflung, Hilflosigkeit und das blanke Entsetzen entgegen. Viel Zustimmung sollte man nicht für solche Handlungen erwarten. Gleichzeitig tritt die Frage auf, ob man diese Dinge einfach tun muss, wenn man im Krieg überleben möchte.

This War of Mine: The Little Ones Ene, mene, muh

This War of Mine: The Little Ones ist ein wirklich gelungenes Antikriegsspiel, dass zum Nachdenken anregt und Emotionen auslöst. Mit The Little Ones hat es das Spiel nun erstmals auf die Konsolen geschafft. Die Konsolenversion umfasst das Hauptspiel This War of Mine und erweitert dieses durch neue Features und Charaktere. Darunter Kinder wie Kalina, Misha, Sergei und Iskra.

Obwohl das Spiel für Konsolen optimiert wurde, ist die Steuerung ein wenig hakelig. Gerade am Anfang fällt es schwer, die richtigen Aktionen ausführen zu lassen. Dabei ist es eigentlich kinderleicht, eine Treppe nach oben zu laufen. Ein kurzes Antippen auf dem Analogstick nach oben genügt … aus Gewohnheit möchte man allerdings gedrückt halten, weshalb man schnell ein paar Mal auf und ab rennt. Auch die Interaktion mit Türen fällt bisweilen fummelig aus. Letztlich kann man sich aber in die etwas gewöhnungsbedürftige Steuerung gut einfuchsen.

Wesentlich nerviger ist letztlich die kleine Schriftgröße. Bequem auf dem Sofa sitzen war nicht drin, da sich der Abstand als zu groß erwies – obwohl ich sehr gute Augen habe. Auch das Spielgeschehen ist bisweilen sehr weit weg. Dann und wann hätte ich gern näher rangezoomt, um einen besseren Blick auf die Dinge zu haben.

Darüber hinaus finde ich das Spiel technisch allerdings sehr gelungen. Die dezente in schwarz und grau gehaltene Optik fängt die Atmosphäre des Krieges wunderbar ein. Auch die eher dezente musikalische Untermalung finde ich gut. Die beklemmende Stille fügt sich wunderbar in das Gesamtbild ein. Auf krachende und donnernde Effekte haben die Entwickler verzichtet. Die dezente Erzählweise hat etwas Bedrückendes und passt gut zur Thematik.

Selbst die von einigen Spielern kritisierte fehlende Sprachausgabe ist meiner Meinung nach ein Gewinn für das Spiel. Nur wirklich gute Sprecher könnten die Dialoge glaubhaft vertonen. Schon ein einziger nicht so guter Sprecher könnte die Stimmung ruinieren. Da es zahlreiche spielbare Charaktere gibt, hätte man entsprechend viele Synchronsprecher gebraucht, was bei einem Spiel dieser Preiskategorie schnell zum Problem hätte werden können. Da lese ich lieber die Dialoge selbst.

Besonders gut gefällt mir persönlich der Szenario-Editor. Hier kann man sich mit wenigen Klicks selbst eine Geschichte erstellen und bestimmte Faktoren festlegen. So dürfen zum Beispiel die Charaktere gewählt werden – wobei man nicht zwangsläufig ein Kind nehmen muss. Auch die Härte des Winters, die Dauer des Krieges und Gefahren lassen sich beeinflussen.

This War of Mine: The Little Ones The Shelter

Die einzelnen Charaktere unterscheiden sich dabei grundlegend voneinander. So gibt es zum Beispiel einen Nichtraucher, dessen Stimmung sich nicht durch den Konsum einer Zigarette anheben lässt und Personen mit viel Inventarplatz. Dieser kann auf nächtlichen Ausflügen sehr hilfreich sein. Jede Figur hat ihre Stärken und Schwächen. Interessant ist auch die Bio der Charaktere. Jede Person führt ein Tagebuch, welches man bei Interesse lesen kann. Dort erfährt man sowohl Details aus dem früheren Leben der einzelnen Charaktere, als auch die Haltung zu aktuellen Ereignissen. Natürlich könnte man This War of Mine: The Little Ones einfach nur als Survival-Spiel sehen und sein Team aus den effektivsten Leuten zusammenwürfeln – oder gleich allein losziehen, da es so am einfachsten ist zu überleben. Wesentlich interessanter ist es allerdings, wenn man sich mit den Geschichten der Zivilisten auseinandersetzt, ihre Gedanken ergründet und in verschiedenen Spieldurchgängen die Unterschiede der Personen erkundet.

Mein Fazit:

Wow, was für ein Spiel! This War of Mine: The Little Ones hat mich emotional so sehr berührt, wie es seit Life is Strange kein Spiel mehr geschafft hat. Überhaupt haben mich in den über 20 Jahren meiner Zockerlaufbahn nur wenige Spiele emotional so sehr mitgerissen und beschäftigt. In This War of Mine: The Little Ones geht es nicht einfach nur darum den Krieg zu überleben, sondern auch um menschliche Abgründe. Während ich Nacht für Nacht auf Plünderungszug gehe, kann auch mein Unterschlupf Opfer von Plünderern werden. Jeden Morgen kehre ich mit einem mulmigen Gefühl zurück. Doch auch darüber hinaus bekomme ich überall die Folgen des Krieges zu spüren. Mal fleht mich ein unbewaffneter alter Mann an, Mal bittet mich ein Kind um Medikamente für die kranke Mutter.

Immer wieder muss der Spieler in solchen Situationen entscheiden, wie weit er gehen möchte und muss, wenn er das Ende des Krieges erleben möchte. Soll der alte Mann bestohlen werden? Nehme ich in Kauf, dass er und seine kranke Frau verhungern? Möchte man die raren Medikamente teilen, auch wenn man selbst kaum welche hat und vielleicht später von einer Krankheit dahingerottet wird?

In den letzten Jahren gab es wirklich viele Survival-Spiele, aber This War of Mine: The Little Ones ist alles andere als überflüssig. Im Gegenteil … das Spiel zeigt, dass sich Spiele auch mit ernsteren Themen befassen können. Krieg muss in einem Spiel nicht immer viele Explosionen, laute Effekte, Elitekämpfer in schwerer Montur und schweres Kriegsgerät bedeuten. This War of Mine zeigt den Krieg aus Sicht der Zivilisten, es zeigt den täglichen Kampf ums Überleben in einem Kriegsgebiet. Bei all den Stärken sehe ich gern über die wenigen Schwächen wie die gewöhnungsbedürftige Steuerung und die kleine Schrift hinweg.

Getestet wurde die Xbox One-Fassung.

Vielen Dank an Koch Media für die freundliche Bereitstellung eines Testmusters.

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Pi mal R Quadrat

Das klingt nach einem Spiel, das mir gefallen würde. Tolle Review! :)
Das Problem mit der zu kleinen Schrift finde ich aber sehr nervig, hatte das zuletzt bei Xenoblade Chronicles X, ständig näher als sonst am TV sitzen, um überhaupt was lesen zu können. Sowas sollte man heutzutage eigentlich nicht mehr bringen oder zumindest die Möglichkeit bieten, die Schriftgröße anzupassen.

PS: Testmuster? Waah, will auch! :oops: