Silence: The Whispered World 2

Silence

Entwickler:         Daedalic Entertainment
Publisher:          Daedalic Entertainment 
Genre:              Adventure
Plattformen:        PC, PS4, Xbox One
Preis:              ca. 34,99 Euro 
Offizielle Website: http://www.daedalic.de/de/game/Silence

Achterbahnfahrt der Gefühle

Noch bevor Silence erscheint, durfte ich es bereits testen. Gestern Abend habe ich den Titel durchgespielt und bevor ich hier ausführlich darüber berichte, muss ich eines loswerden: wow, wow, wow! Was ein Spiel! Dabei ist das Spielejahr 2016 ohnehin nicht zu verachten. Titel wie Forza Horizon 3, Dark Souls 3, ABZÛ und Fire Emblem: Fates haben das Niveau in diesem Jahr verdammt hochgehoben. Auch der Blockbusterherbst ist noch mitten im Gange und wartet regelmäßig mit neuen Krachern auf. Doch der deutsche Publisher und Entwickler Daedalic muss sich mit Silence definitiv nicht verstecken. Im Gegenteil.

Für mich waren die Stunden mit dem Spiel die emotionalsten, die ich in diesem Jahr mit einem Game erlebt habe. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich wurde nachdenklich, ich habe gehofft, ich habe gezweifelt … Eben die ganze Palette. Nur selten kommt es vor, dass mich ein Spiel emotional so sehr mitreißt und sogar die Tränen fließen. Passiert so etwas, dann nur, weil das Spiel wirklich gelungen ist. Schon als ich anfing Silence zu spielen, hatte ich einen dicken Kloß im Hals und es flossen erste Tränen.

Doch worum geht es überhaupt in dem Spiel? Der Titel ist der inoffizielle Nachfolger von The Whispered World. Als Spieler schlüpft ihr in die Rollen von Renie und Noah. Der 16-jährige Noah und seine kleine Schwester leben in einer Welt, die vom Krieg zerrüttet ist. Zahlreiche Zivilisten verlieren ihr Leben, Kinder werden zu Waisen und Luftangriffe bestimmen den Alltag. Die Geschwister fliehen in einen Bunker. Dort stoßen sie auf den Übergang zu einer Welt zwischen Leben und Tod: Silence. Renie gerät in die Welt, woraufhin Noah ihr folgt.

Letztlich geraten die Geschwister aber von einer Welt, die sich im Krieg befindet, in eine andere von einem Krieg gezeichnete Welt. Wenngleich die Zwischenwelt verglichen mit ihrer Heimat wunderschön aussieht, trügt dieser Schein. Einzig eine überschaubare Gruppe von Rebellen leistet noch Widerstand. Nun ist es an euch, Silence zu retten. Hilfe habt ihr dabei von der wohl süßesten und coolsten Raupe der Videospielgeschichte: Spot. Spot ist nicht irgendeine Raupe, sondern eine magische. Das kleine Wesen hilft Renie und Noah, durch seine Verwandlungskünste. Im Spielverlauf müsst ihr nicht nur häufig in die Rolle der Geschwister schlüpfen, sondern auch Spot kontrollieren. Er ist so etwas wie der heimliche Star unter den Protagonisten. Man muss Spot einfach lieben.

Die Geschichte von Silence ist meiner Meinung nach perfekt. Sie bietet viele Facetten, die am Ende ein stimmiges Gesamtpaket ergeben. Mal leidet man mit den Figuren, Mal lacht man über den hier und dort eingestreuten Humor und ein anderes Mal möchte man einfach nur noch weinen. Für mich ist Silence das Paradebeispiel dafür, weshalb es bei Spielen absolut nicht auf die Länge ankommt. Insgesamt habe ich gerade einmal sechs Stunden mit dem Titel verbracht, wobei ich einige Male abbrechen musste wegen meinen Kids und das zweite Ende angeschaut habe. Die Spielzeit ist daher eher mit fünf Stunden zu beziffern. Dafür hat es diese kurze Zeit in sich. Ich brauche keine 50 Stunden, wenn ich in der einfach routiniert einer Markierung auf der Karte folge und eine völlig belanglose nicht fesselnde „Geschichte“ erlebe. Manchmal liegt die Würze einfach in der Kürze und Silence ist so ein Kandidat, auf den dieser Spruch wunderbar zutrifft. Mindestens ein zweiter Spieldurchgang lohnt sich allerdings, da es viele versteckte Geheimnisse gibt. Für das zweite Ende reicht es aus, den Spielstand erneut zu laden – dennoch solltet ihr euch mindestens zweimal in das Abenteuer stürzen.

Den Höhepunkt liefert dabei zweifelsohne das ergreifende Finale des Spiels, welches mich sehr nachdenklich gestimmt hat. Silence hat zwei Enden, wobei es mir persönlich schwerfällt zu entscheiden, mit welchem ich mich eher anfreunden kann. Die Entwickler haben uns hier nämlich nicht einfach ein klassisches gutes und schlechtes Ende hingeknallt. Egal wie ihr euch letztlich entscheidet – ihr werdet auf jeden Fall ins Grübeln kommen und euch Gedanken darüber machen, was gewesen wäre wenn … Auch nachdem ich das zweite Ende gesehen hatte, hielt die Grübelei bei mir an.

Silence Ozean bei Nacht

Stimmiger Soundtrack, tolle Charaktere und klein(st)e Schnitzer

Da wir nun schon geklärt haben, wie wunderbar ich die Story von Silence finde, bleibt nun natürlich noch die Frage, wie sich die anderen Aspekte des Spiels schlagen? Sehr positiv muss ich hier den Soundtrack hervorheben, der sehr stimmig ist und sich nahtlos in das Spiel einfügt. Die musikalische Untermalung ist hervorragend. Vom Komponisten bis hin zu den Personen, die den Soundtrack dann eingespielt haben – man kann hier durch die Bank weg ein Lob an alle Beteiligten aussprechen.

Ebenso lobenswert sind die Zeichnungen, die beim Hintergrund zum Einsatz kommen. In dieser Hinsicht ist Daedalic schon lange sehr stark. Optisch fand ich das Spiel fast durch die Bank weg sehr ansprechend. Die Hintergründe sind liebevoll und detailreich gestaltet, weshalb ich fast permanent einen Finger über meiner Screenshot-Taste hatte. Auch die Charaktere die in 3D daherkommen gefallen mir weitestgehend sehr gut. Ich habe mich in die Gesichtsausdrücke von Renie und Noah sofort verliebt.

Nur in Sachen Detailgrad wäre hier und dort noch ein wenig mehr drin gewesen. In den Zwischensequenzen wirken die Finger und Fingernägel zum Beispiel nicht so hübsch. Auch die Haare haben die Figuren nicht unbedingt schön. Aber hey, Schwamm drüber! Ich meckere hier gerade wirklich auf sehr hohem Niveau. Sicher sehen die Charaktere nicht zu 100 Prozent schick aus, aber darüber kann ich locker hinwegsehen. Meistens sind sie völlig in Ordnung und so kleine Details wie die Finger … geschenkt. Silence ist in vielerlei Hinsicht so gelungen, dass man sich an den paar kleinen Schnitzern nicht hochziehen sollte. Im Gesamten betrachtet ist der Mix aus 2D und 3D gelungen. Mir gefällt die neue Richtung, die Daedalic damit einschlägt. Silence ist kein so konventionelles Adventure, wie andere Titel des Entwicklers.

Da wir gerade bei Schnitzern sind, machen wir an der Stelle gleich weiter. Die Ladezeiten sind lang, was manchmal nervt. Gerade zum Ende hin fand ich diese lästig, da man häufiger den Bildschirm wechseln muss. Außerdem ist das Spiel rein vom Schwierigkeitsgrad her für Adventure-Fans sehr einfach, wenn nicht gar zu einfach. Ich hatte nur einmal bei einer Stelle Schwierigkeiten. Dabei bin ich eher jemand, der bei Adventures ins Grübeln gerät. Wer eine Herausforderung sucht und erfahrener Adventure-Spieler ist, sollte daher vor Spielstart sämtliche Hilfen ausschalten. Einsteiger hingegen dürfen sich über diese freuen. Dank denen habt ihr nämlich leichtes Spiel, wenn ihr Mal nicht vorankommt. Selbst Puzzle können übersprungen werden. Bei den Rätseln gab es dieses Mal keine richtig knackigen Kopfnüsse. Ich persönlich empfand sogar Fire als kniffliger. Wirklich schlimm ist dieser Umstand aber zumindest für mich nicht. Es ärgert mich eher, wenn ich irgendwo im schlimmsten Fall Stunden festhänge. Dabei kommt man nur aus der Geschichte raus, was bei einer so tollen Geschichte wie dieser sehr schade wäre.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist, dass das Spiel kein sehr typisches Adventure ist. Erinnert ihr euch noch an jene Genrevertreter, in denen ihr zig Items mitgehen lasst, als hättet ihr einen XXL-Rucksack dabei, obwohl euer Charakter rein optisch gar keinen bei sich trägt? In Silence müsst ihr nur ganz selten Dinge mitnehmen. Ihr rennt also nicht mit einem Dutzend Items im Inventar umher. Ein solches gibt es überhaupt nicht. Die Änderungen bedeuten allerdings auch, dass das Spiel einen anderen Weg einschlägt, als sein mehr oder weniger Vorgänger The Whispered World. Einige Fans werden womöglich sogar enttäuscht sein. Wer lieber altbewährte Dinge mag, hat unter Umständen mit Silence ein Problem. Derlei Dinge sind allerdings eine Frage des Geschmacks. Ich kann gut mit den gebrochenen Konventionen leben, da die Inszenierung und der Spielfluss dadurch umso angenehmer ausfallen. Mir sind diese Art Adventures daher auch lieber, als die klassische Variante. Telltale Fans dürfen sich von Silence daher auch direkt angesprochen fühlen.

Wer The Whispered World gespielt hat, darf sich übrigens über ein Wiedersehen mit diversen alten Bekannten freuen. Nichtsdestotrotz setzt Daedalic nicht nur auf altbewährte Charaktere, sondern wartet auch mit neuen auf. Insgesamt ein guter Mix. Auf gelungene Charaktere versteht sich Daedalic meiner Meinung nach ohnehin. Egal ob die knuffige Raupe Spot die öfter für ein Schmunzeln sorgt, die kindliche und dadurch oft auch sehr naive Renie oder die ziemlich forsche Kyra. Euch erwartet wieder eine ganze Reihe liebenswerter Figuren. Die einen begleiten euch während eures Abenteuers ziemlich lang, andere haben deutlich kürzere Auftritte. Optionale Dialoge hat Daedalic dieses Mal außen vor gelassen. Auch etwas, was mir gut gefallen hat. Manchmal nervt es mich in Adventures einfach, wenn ich mich durch fünf Dialogoptionen quäle. Hier hat man eine sehr kompakte Lösung gefunden, was ich ansprechend finde. Will ich tonnenweise Dialoge, kann ich ein Rollenspiel einlegen. Bei Adventures bin ich Fan von modernerem Spieldesign, welches ohne gar zu viele Texte die oft sogar nur zum Durchklicken verleiten auskommen. Muss aber natürlich jeder selber wissen. Nicht jeder steht auf diesen Purismus.

Silence Screenshot 04

Mein Fazit:

Es gibt Spiele, die sehe ich und weiß sofort, dass das genau mein Ding sein wird. Silence ist für mich eines dieser Spiele. Was als Liebe auf den ersten Blick begann, ist für mich nun einer der heißesten Anwärter auf den Titel Spiel des Jahres 2016. Von Beginn an hat mich Silence in seinen Bann gezogen. Die Geschichte der kleinen Renie und ihres Bruders Noah reißt einen förmlich mit. Man lacht, weint und hofft mit den Charakteren, die einen in der rund fünfstündigen Geschichte ans Herz wachsen. Wunderschön gezeichnete Hintergründe, eine fantastische Geschichte voller Nuancen und Facetten und ein grandioser Soundtrack machen das Spiel zu einem erinnerungswürdigen Erlebnis.

Schon in der Vergangenheit hat Daedalic gezeigt, dass man sich auf Adventures versteht. Während Deponia oft sehr humorvolle Töne anschlägt, zeigt Silence häufig eine deutlich düsterere Seite. Trotzdem gelingt es den Entwicklern, immer wieder Humor einzustreuen. Einen großen Anteil daran hat die kleine Raupe Spot, die magische Fähigkeiten besitzt. Das kleine grüne Wesen hat reichlich Charme und könnte locker ein eigenes Spiel rocken.

Silence ist kein perfektes Spiel, aber es ist nah dran. In den sechs Stunden Spielzeit die ich hatte, musste ich einmal einen Speicherpunkt laden, weil es nicht weiterging und die Charaktere könnten stellenweise noch zusätzliche Details vertragen. Die Finger und Haare sehen beispielsweise nicht sehr ansprechend aus. Auch in Sachen Schwierigkeitsgrad ist von dem Spiel nicht viel zu erwarten. Während Neulinge sich über das vergleichsweise einfache Spiel freuen können, sind Genreliebhaber wohl unterfordert. Diese dürfen aber optional sämtliche Hilfen abschalten, was es zumindest etwas kniffliger macht.

Im Gegenzug lohnt es sich wieder, den Titel mindestens ein zweites Mal zu spielen. Es gibt nämlich viele kleine Geheimnisse und versteckte Erfolge zu holen. Aber auch ohne diesen zweiten Spieldurchlauf ist Silence jeden Cent wert. Es mag verdammt kurz sein, aber die Qualität von Story, Soundtrack, Design und Co. macht diesen Umstand mehr als nur wett. Wichtig ist, dass ihr puristischen Adventures etwas abgewinnen könnt. Es gibt weder optionale Dialoge noch ein überquellendes Inventar oder kuriose Rätseleinlagen, die kaum noch mit Logik zu tun haben. Wer die Spiele von Telltale mag, ist hier also genau richtig. Für mich persönlich ist der Titel sogar mein neues Lieblingsspiel von Daedalic. Pflichtkauf!

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