Startseite » Review » Kingdom Come: Deliverance Review
Kingdom Come: Deliverance

Kingdom Come: Deliverance Review

Entwickler:         Warhorse Studios
Publisher:          Koch Media
Genre:              Rollenspiel
Plattformen:        PC, PlayStation 4, Xbox One
Preis:              ca. 59,99 Euro 
Offizielle Website: https://www.kingdomcomerpg.com/

Ein Königreich für einen König

Als Kingdom Come: Deliverence 2013 angekündigt wurde, konnte niemand ahnen, dass es bald fünf Jahre dauern würde, bis wir den Titel endlich in der Hand halten dürfen. Nach einer Kickstarterkampagne und mehreren Verschiebungen schien sich der Titel immer wieder der greifbaren Nähe zu entziehen. Kein Wunder also, dass die Vorfreude und auch der einhergehende Hype immer mehr wurden. Schließlich versprach der Titel mit vielen Konventionen des Rollenspiels aufzuräumen. Banditen anstatt Monster, Schwert und Bogen anstatt Zauberei und mittelalterliche Politik statt speiende Drachen. Es sollte eine Reise in das tatsächliche Europa des 15. Jahrhunderts werden und das so detailgetreu und realistisch wie möglich. Wir haben uns auf diese Reise begeben und klären in unserem Kingdom Come: Deliverance Review, ob sich die Wartezeit gelohnt hat.

Wir schreiben das Jahr 1403 im böhmischen Reich, ein Rat aus Erzbischöfen und Kurfürsten hat König Wenzel abgesetzt. Sein Halbbruder Sigismund hat ihn in Gewahrsam genommen und versucht die Macht im Land an sich zu reißen. Wenzel war ein König, der nie einer sein wollte. Seine Regentschaft beschränkte sich weitestgehend auf Nächte mit Frauen und Wein. Kein Wunder also, dass es im Land drüber und drunter geht.

Doch von all diesem Chaos bekommen wir im schönen idyllischen Skalitz nichts mit. Hier beginnt die Geschichte des Schmiedgesellen Heinrich, der von seinen Abenteuern noch nichts ahnt. Die ersten Spielstunden sind so unspektakulär, wie ein Leben im Mittelalter eben sein kann. Botengänge für den Vater erledigen, ein kleiner Faustkampf und ein vorsichtiges Herantasten an grundlegende Mechaniken. Hinzu gesellt sich das umfangreiche aber übersichtliche Menü, das uns schnell klar macht: Der Bub kann weder mit dem Schwert umgehen, geschweige denn lesen oder schreiben.

Quasi von nun auf jetzt steht Sigismund mit seinen Kumpanen – ungarische Söldner – vor der Tür und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Skalitz geht in Flammen auf und damit auch das Leben des jungen Heinrichs. Wir schaffen es noch nicht einmal in die schützende Burg des hiesigen Herren. Es bleibt nur die Flucht nach vorn, vorbei an raubenden Barbaren und brennenden Hütten zur nächsten Festung, wo wir von den Eindringlingen berichten. Nachdem wir uns erholt haben, beenden wir selbst unseren Gastaufenthalt auf der Burg Talmberg und begeben uns zurück nach Skalitz um die Eltern zu beerdigen. Natürlich ist es keine gute Idee in eine Stadt zurückzukehren, die gerade erst gebrandschatzt wurde. Heinrich bekommt ordentlich aufs Maul und kommt gerade noch so mit dem Leben davon.

Wir wachen am anderen Ende von Böhmen auf und nun beginnt erst die eigentliche Reise, die uns 20 bis 30 Stunden beanspruchen wird. Es ist klar, dass das Leben als Schmied vorbei ist. Ein lausiger Bandit hat das letzte Schmiedewerk des Vaters gestohlen, ein Schwert für unseren Lehnsherren Herrn Kobyla von Radzig und die Gedanken des jungen Heinrich drehen sich nur darum, dieses zurück zu erlangen. Schnell wird klar, dass das nicht so einfach wird. Nachdem wird in die Grundlagen des Bogenschießens und des Schwertkampfs eingeführt werden, lässt uns das Spiel von der Leine.

Kingdom Come: Deliverance Review

Ein Niemand durchstreift die Lande

Als ein Niemand streifen wir durch die Lande, erledigen Botengänge, schlagen uns mit Banditen rum, rennen vor Banditen davon – mehr als einmal – und versuchen mit dem Bogen geradeaus zu schießen. Es wird schnell klar, dass Heinrich viel zu lernen und zu meistern hat. Es dauert Stunden, bis der Pfeil dorthin fliegt, wo er soll. Ein gewöhnliches Fadenkreuz fehlt. Das Schwert zu meistern ist noch eine ganz andere Sache. Schließlich müssen wir im Kampf nicht nur auf unsere Position zum Gegner achten, sondern auch noch die Schlagrichtung kontrollieren und gleichzeitig im richtigen Augenblick blocken. All das verbraucht Ausdauer die tunlichst nicht den Nullpunkt erreichen sollte, denn dann schmerzt jeder Treffer am eigenen Leib so richtig. Ein Reaktionsspiel beim Blocken rundet den Kampf noch ab, der weitaus komplexer ist als bei der Konkurrenz. Einzig bei der Konfrontation mit mehreren Gegnern, erschwert das Umschalten der Ziele den Kampf unnötig. All das erfordert eine gewisse Übung und Einarbeitung. Die Waffe ist ebenso entscheidend wie die eigene Rüstung und deren Zustand – denn natürlich verschleißt diese. Die vielen Kombinationsmöglichkeiten der Rüstungsteile begeistern. Dabei sehen selbst billige Rüstungen hervorragend aus.

Gerade zu Beginn kann das Kampfsystem ein wenig überfordern, weil es mit einfachem Zuschlagen selten getan ist, umso befriedigender ist aber das Gefühl, wenn man es gemeistert hat und gute Schläge gelingen. Zu einfachen Schlägen und blocken gesellen sich noch perfekte Schläge oder auch Kombos, die wir im Laufe unserer Reise erlernen können. Sie anzuwenden ist jedoch im Eifer des Gefechts eine ganz andere Sache. Gerade wenn die eigene Rüstung noch eher klapprig ist und gleich mehrere Gegner vor einem stehen, ist es keine schlechte Idee sich dem Fluchtinstinkt zu beugen. Es reichen schon ein paar Dummheiten im Kampf, um ins Gras zu beißen. Dann bleibt nur das Neuladen des letzten Spielstands. Wäre da nicht …

Naturgemäß ist Kingdom Come: Deliverance ein Spiel, das nur wenig verzeiht. Das trifft auch auf das Speichersystem zu. Automatisches Speichern gibt es nur zu bestimmten Questabschnitten, wenn ihr in einem Bett schlaft und mit dem sogenannten Retterschnapps. Der ist gerade zu Anfang noch ziemlich teuer. Später spielt der Preis für das Gebräu keine große Rolle mehr. Lauft ihr fröhlich durch die Gegend und jagt Plünderer, solltet ihr regelmäßig selbst speichern. Denn werdet ihr getötet, gehen euch unter Umständen mehrere Stunden Spielfortschritt verloren.

Eine Funktion für Speichern und Beenden ist geplant und soll in naher Zukunft folgen, doch behebt diese das Problem nur teilweise. Für uns nicht nachvollziehbar aber verschmerzbar, sofern man etwas vorausschauend spielt. Allgemein erwartet der Titel Voraussicht von seinem Spieler. Das trifft auch auf die Entscheidungen in den Dialogen zu. So beeinflusst unter anderem euer Stärkewert eure Überzeugungskraft in Gesprächen mit den Bürgern Böhmens. Manche dieser Entscheidungen wiegen leichter und andere schwerer.

Die Stärke ist nicht das einzige Attribut, dass ihr entwickeln könnt. Hinzu gesellen sich Fertigkeiten wie Heimlichkeit, Reiten, Bogenschießen, Alchemie und vieles mehr. Es ist ganz euch überlassen, wie ihr den Charakter entwickelt. Als Belohnung winken euch spezielle Fähigkeiten, die ihr mit dem Steigern der einzelnen Attribute leveln könnt. Oftmals gehen hier auch Vor- und Nachteile einher. Steigert ihr beispielsweise die maximale Traglast eures Pferdes, wird dieses langsamer. Das funktioniert auch umgekehrt.

Um die entsprechenden Fertigkeiten zu steigern, ist es notwendig diesen aktiv nachzugehen. Reiten steigert ihr daher hauptsächlich, wenn ihr auf eurem Gaul sitzt. Für das erlernen der Alchemie müsst ihr viele Tränke brauen, was über ein gutes und durchdachtes Minispiel geschieht. Schmiedekunst und damit einhergehende Flickerfertigkeiten stehen jenen zu Verfügung, die lieber selbst ihre Ausrüstung pflegen. Trinkfestigkeit ist übrigens auch eine Fähigkeit. Es ist höchste Zeit, dass ein Spiel das einmal anerkennt. Überhaupt setzt Kingdom Come: Deliverence in den Details viele Akzente, welche die Konkurrenz in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt hat. Dazu gehören die verschiedenen Verletzungsarten und das einhergehende Handicap aber auch das Essen, dass unterschiedliche Vor- und Nachteile hat und verderben kann.

Kingdom Come: Deliverance Screenshot 05

Keine Simulation, aber stimmig

Eben durch diese Details entsteht das stimmige mittelalterliche Bild. Das zeichnet sich auch in den Rängen und Strukturen sowie im Umgang mit den Bewohnern ab. Schade, dass die Charaktere oft wie aus dem Puppentheater wirken. Während die Dialoge überwiegend richtig gut vertont sind, bewegen sich die Charakteranimationen irgendwie auf einem Basisniveau. Überhaupt scheinen das ganze Animationssystem und auch die KI hinter Tieren und Menschen einen Schlag weg zu haben. Hier ist mehr als Feinschliff notwendig, um mit dem aktuellen hohen akustischen und optischen Niveau gleichziehen zu können. Dazu gehört die Lippensynchronität, die in der deutschen Fassung quasi nicht vorhanden ist. In den Zwischensequenzen müsst ihr übrigens die Lautsprecher aufdrehen, denn offenbar ist die deutsche Audiospur zu leise abgemischt. Wenn dann Schnipsel nicht vertont sind auf einmal ein englischer Sprecher aus den Lautsprechern röhrt, ist die gesamte aufgebaute Stimmung für die Katz.

Leider ist Kingdom Come: Deliverence gut darin selbst die allgemein gute Stimmung zu ruinieren. Es hat etwas amüsantes, wenn jemand vor einem die Leiter runterstürzt, er sich aufrappelt und dir zuruft „Hey, was machst du das?“ Ja, wir versuchen dieses Spiel zu spielen. Das geht schlecht, wenn wir nicht durch Türen gehen können, unser Pferd vor jedem kleinen Steinchen eine Vollbremsung hinlegt oder unsere Verbündeten NPCs in einer riesigen Schlacht von nun auf jetzt still stehen wie in einem Wachsfigurenkabinett. Dann gilt es den Spielstand neu zu laden. Diese Macken kombiniert mit dem Speichersystem sind gelinde gesagte frustrierend. Ein paar Groschen beim nie abschließbaren Bogenschießwettbewerb sind da noch verkraftbar. Immerhin bleiben dann die Rehe stillstehen und lassen sich brav abschießen, fehlerhaftem Animationssystem sei Dank.

Ähnlich schlimm geht es bei den Schleichmechaniken des Spiels zu. Wir haben aufgehört die Reloads bei solchen Missionen zu zählen. Es waren jedenfalls zu viele. Selbst mit dunkler leichter Kleidung, erkennen einen Personen noch in den besten Verstecken. Manchmal reicht es wegzurennen, wobei Gegner gerne mal über eine Meile weit hinterherrennen, selbst wenn man mit dem Pferd hunderte Meter voraus ist. Wenn es mal gut läuft, verhalten sich einfache Büsche wie Mauern und man navigiert im Wald wie zwischen Betonwänden.

Während auf der einen Seite, solche Schwächen nicht zu übersehen sind, zeigen sich auf der anderen Seite die Stärken und die Konsequenz des Spiels. Ihr habt euch stets für eure Taten zu verantworten, wenn ihr beispielsweise am Abend in der Schenke jemanden treffen sollt und ihr nicht erscheint, dann dürft ihr am nächsten Morgen dafür geradestehen. Es gibt auch Aufgaben, wo solche Ignoranz seitens der Spieler viel härter gestraft wird als nur mit einem Anschiss. Dialoge und Entscheidungen ziehen oft spürbare Konsequenzen mit sich, sodass manchmal nebensächlich wirkende Entscheidungen ganze Questverläufe beeinflussen können oder gar die Aufgabe scheitern lassen.

Was die Aufgabengestaltung angeht, lassen sich die Entwickler nicht lumpen. Die meisten Quests sind nachvollziehbar und haben eine Geschichte zu erzählen, die gar dramatische oder unerwartete Wendungen beinhalten. So spiegeln sich in den Geschichten gut die Schicksale der einfachen Leute des 15. Jahrhunderts wieder. Beispielsweise war eine Kritik an der Kirche durch Gelehrte seinerzeit durchaus ein Thema. Doch einfache Bauern, die sich das Recht zur Kritik herausnahmen, landeten schnell als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Ebenso wie die Kirche sind die Stände und die Politik der damaligen Zeit ein Thema. Vetternwirtschaft und arrogante Adelige sind ebenso wenig eine Seltenheit wie Verbrechen und Korruption. Die Quests glänzen zudem durch die Abwesenheit direkter Markierungen. Diese gibt es zwar auch gelegentlich, oft müsst ihr euch jedoch Umhören und Informationen sammeln, oder ein Gebiet durchsuchen.

Schade, dass zwischen all diesen authentischen Verhältnissen die Entwicklung der Figuren bis auf wenige Ausnahmen auf die eigentliche Quest beschränkt bleibt. Nebencharaktere glänzen eher durch Masse als durch Klasse und eine richtige Bindung kann man nur zu wenigen Akteuren in der Welt aufbauen. Romanzen wollen nach einer Nacht gar nichts mehr von einem wissen. Mindestens in einem Fall ist das nicht logisch geschweige denn nachvollziehbar. Unserer Meinung nach ist das verschenktes Potenzial und würdigt nicht die Mühe, welche in einige der von uns erlebten Aufgaben gesteckt wurde. Unterm Strich verbergen sich hier viele Botengänge, die aber immerhin oft gut bis sehr gut verpackt sind. Leider bleiben auch die Feinde eher blass.

Kingdom Come: Deliverance Screenshot 02

Mein Fazit:

Es ist nur fair dem Spiel gegenüber sich von dem Gedanken einer Mittelaltersimulation zu verabschieden. Ist diese Schwelle erst einmal überwunden, erhaltet ihr mit Kingdom Come: Deliverance kein realistisches aber ein gut inszeniertes Abenteuer im Böhmen von 1403. Speichersystem, Animationen und Bugs schwächen zwar das idyllische Bild, doch trüben sie nicht den Eindruck, den das Spiel unterm Strich hinterlässt. Warhorse Studios haben mit ihrem Debüttitel nicht nur mit altbackenen Konventionen gebrochen, sondern auch noch frischen Wind in das Genre gebracht. Selten machte es so viel Freude nur eine Gegnerart zu bekämpfen und noch seltener habe ich so viel Zeit damit verbracht, mir vorher zu überlegen, wie ich ein Banditenlager am besten hochnehme.

Die Entwickler täten sich, dem Spiel und den Fans einen Gefallen, wenn sie die zahlreichen Probleme des Spiels nach besten Wissen und Gewissen glattzubügeln. Denn ist das erst einmal geschehen, kann sich das Spiel gerne AAA-Titel schimpfen, auch wenn es gar keines sein will. Viele Aspekte stehen großen Konkurrenten in nichts nach oder übertreffen sie sogar. Besonders das kluge Kampfsystem, die zahlreichen konsequenten Entscheidungsmöglichkeiten und die authentische Welt stechen hervor. Sind die Bugs Geschichte, kehren wir gerne ins schöne Böhmen zurück. Bis dahin ist unsere Frusttoleranz aber erst mal ausgeschöpft. Zahlreiche Bugs in Kombination mit dem fragwürdigen Speichersystem haben uns zu viele Nerven geraubt.

Schade, dass sich Kingdom Come: Deliverance selbst ein Bein stellt. Den Spagat aus RPG, Survival und mittelalterlichen Historieerlebnis schafft es mit Leichtigkeit. Nach über fünfzig Stunden Spaß, Spannung und Frust sagen wir tschüss Heinrich und hoffentlich bis bald, mit weniger Dellen in der Ritterrüstung.

Schreibe etwas dazu!

avatar
2000
  Kommentare Abonnieren  
Benachrichtige mich zu: