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Anthem

Anthem Review

Entwickler:         BioWare
Publisher:          Electronic Arts
Genre:              Action, Shooter, Loot-Shooter, Games as a Service 
Plattformen:        PC, PlayStation 4, Xbox One
Preis:              ca. 69,99 Euro
Offizielle Website: https://www.ea.com/de-de/games/anthem

Liebe auf den zweiten Blick

Das Spiel Anthem habe ich vor seiner Veröffentlichung nur sporadisch verfolgt. Der Hypetrain dazu ging völlig an mir vorbei und ich bin relativ uninformiert an das Spiel herangegangen. Trotzdem – oder gerade deshalb – habe ich mich schnell in das Spiel verliebt. Trotz aller Schwächen, die seit Wochen im Internet diskutiert werden. In der Tat ist das Spiel im Moment noch so etwas wie ein ungeschliffener Diamant. Das Game hat hier und dort seine Baustellen und Luft nach oben. Spaß macht es mir dennoch. In meinem Anthem Review erfahrt ihr, warum ich so viel Freude mit dem Spiel habe und in welchen Bereichen ich mir dennoch Verbesserungen wünsche.

Fangen wir positiv an. Anthem spielt sich flott und angenehm. Ich bin ein großer Fan von schnellen Spielen und mag es, mich relativ kopflos ins Abenteuer zu stürzen, ohne viel Zeit in Planung und Vorbereitung stecken zu müssen. Anthem ermöglicht mir genau das. Mit wenigen Eingaben am Controller kann ich eine Mission starten. Egal ob Festung, Storymission oder Freies Spiel – ich bin ruckzuck mittendrin. Auch das Tempo vom Spiel ist ausgesprochen angenehm. Binnen kürzester Zeit bin ich dank Flugmodus vom Javelin beim nächsten Missionsziel, wo in schnellen Gefechten Gegnerhorden ausgeschaltet werden. Wer dabei nicht in den beiden einfachsten Schwierigkeitsstufen zockt, darf sich dennoch auf knackige Action freuen. Ab „schwer“ haben es die Missionen ganz schön in sich. Gespielt wird dabei immer mit vier Spielern. Entweder schließt ihr euch mit Freunden zusammen oder das Spiel wirft euch in eine Random-Gruppe. Mit diesen habe ich fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht.

Ganz ohne Vorbereitung geht es natürlich auch in Anthem nicht. Spätestens nach ein paar Missionen solltet ihr euch ansehen, was ihr an neuem Loot zusammengetragen habt und euren Javelin damit wenn möglich aufwerten. Zudem gibt es beim Erreichen gewisser Stufen einen zusätzlichen Javelin oder Slots für Ausrüstung.

Was aber sind diese Javelins, von denen ich hier die ganze Zeit spreche? Anthem spielt in einer fiktiven Spielwelt, die zahlreichen Gefahren wie dem Dominion und der mysteriösen Hymne der Schöpfung ein Zuhause bietet. Letztere wurde von den Göttern einst genutzt, um die Welt in Anthem zu erschaffen. Die Hymne kann allerdings nicht nur eine Welt erschaffen, sie kann auch zerstören und wird so zu einer tödlichen Gefahr. Selbst die Götter – die sie zur Schöpfung verwenden wollten – konnten die Hymne nicht kontrollieren. Die Folge davon ist die unfertige Welt von Anthem.

Trotz ihrer Gefährlichkeit strebt das Dominion danach, die Hymne der Schöpfung in seine Gewalt zu bekommen. Allen voran Bösewicht Monitor. Dieser ist fest davon überzeugt, einen Weg gefunden zu haben, die Hymne zu kontrollieren. Ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt er seine finstern Pläne und bedroht damit auch Fort Tarsis und Bastion.

Bastion ist die Heimat der Menschheit. Um ihr Überleben zu sichern, schufen sie mächtige Kampfanzüge, die Javelin genannt werden. Ihre Träger sind die sogenannten Freelancer. Zu einem solchen werdet auch ihr in Anthem. Nach einem Vorfall zu Beginn des Spieles leidet das Ansehen der Freelancer allerdings massiv. Die Menschen misstrauen ihnen, statt wie einst zu ihnen aufzublicken. Daher backt ihr zunächst kleine Brötchen und nehmt jeden Auftrag an, der euch in die Finger kommt. Ihr baut das Ansehen der Freelancer wieder auf und bekommt schließlich auch interessantere Aufträge angeboten. Dabei stärkt ihr auch die Beziehungen der Freelancer zu anderen Fraktionen der Menschheit.

Anthem Screenshot

Lore zwischen den Zeilen

Die Lore von Anthem finde ich sehr ansprechend. Die unfertige Spielwelt gefällt mir gut und die Geschichte hat ihren Reiz. Serviert wird die allerdings nicht auf dem Silbertablett. Stattdessen müssen interessierte Spieler Augen und Ohren offen halten. Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist Fort Tarsis, wo sich auch eine ganze Reihe von NPCs tummeln. Einige stehen einfach rum und plaudern mit anderen NPCs. Andere könnt ihr direkt ansprechen.

Stehen neue Dialoge zur Verfügung, werden euch diese auf der Map angezeigt. In diesen erfahrt ihr mehr über die entsprechenden Charaktere, aber auch über die Welt des Spiels. In den kurzen Gesprächen könnt ihr zudem oft eure Meinung abgeben, indem ihr eine von zwei angebotenen Dialogoptionen wählt. Klassisch gut oder böse gibt es dabei erfreulicherweise nicht. Ihr könnt aber zum Beispiel einen NPC, der von seiner Geschäftsidee berichtet, darin bestärken oder lieber davon abraten.

Auch lassen sich hier und dort Objekte wie Dokumente finden, die euch einige Details verraten. Damit erinnert mich das Spiel im positiven Sinn an Guild Wars. Die Lore ist dichter als es auf den ersten Blick erscheint, wird aber nicht selten eher am Rande erzählt. Dies hat den Vorteil, dass Spieler die darauf gern verzichten nicht damit überladen werden und neugierige Spieler wie ich durch das Lesen von Texten und Dialogen mehr erfahren können. Als alter Hase stören mich Texte überhaupt nicht. Im Gegenteil – ich mag es, wenn ich mehr über eine fiktive Welt und deren Bewohner erfahren darf. Ein großer Pluspunkt an Anthem.

Apropos Welt. Die Karte ist in mehrere Ebenen unterteilt, was ich persönlich sehr mag, auch wenn mich mein Orientierungssinn manchmal im Stich lässt. Dadurch lässt sich die Flugfunktion der Javelins auch sinnvoll nutzen. Die Spielwelt ist nicht einfach nur flach, sondern erstreckt sich auch in die Höhe und Tiefe.

Ebenfalls sehr positiv finde ich die Dauer von Missionen. Obwohl ich gern den ganzen Abend mit Anthem verbringe, ist viel Zeit kein Muss. Als Mutter weiß ich solche Spiele sehr zu schätze. Ich liebe Singleplayer-Spiele, bin aber Multiplayer und Koop keinesfalls abgeneigt. Nur die Zeit kann zu einem Problem werden. Mein Alltag lässt nicht immer stundenlange Sessions vor dem Bildschirm zu. In Anthem ist selbst eine Festung – die erinnern an Dungeons oder auch Raids – relativ flott erledigt. Ihr müsst also für eine Mission nicht erst einmal ein Zeitfenster von mehreren Stunden freischaufeln. Einige Spieler mögen dies blöd finden. Ich begrüße es. Bleibt mehr Zeit, kann ich einfach ein paar Missionen mehr machen, statt den halben Abend an einer zu sitzen. Anthem ist so auch für Gelegenheitsspieler, Eltern und Co. interessant.

Anthem Screenshot

Die Baustellen

Gameplay, Lore und Missionslänge gefallen mir also gut. Wo aber sind die eingangs erwähnten Baustellen? Eine der für mich größten ist derzeit noch die Abwechslung. Ja, ich hatte und habe viel Spaß mit Anthem. Gerade bei längeren Spielsitzungen fällt aber auf, dass es beim Missionsdesign aktuell noch an Abwechslung fehlt. Die laufen bisher immer nach gewissen Schemen ab. Mal müsst ihr Bereiche von Gegnern sauber halten, bis sich eine Leiste füllt, Mal Echos sammeln und zum Abgabeort bringen und dabei Gegner ausschalten und andere Male einfach eine ganze Reihe Gegner eliminieren, um einen Ort zu sichern. Hier und dort gibt es kleine Abweichungen – aber nur im Detail. Damit habe ich prinzipiell kein Problem. Es kann sich nicht jede Mission völlig anders spielen.

Dennoch braucht Anthem mehr Abwechslung, wenn es die Spieler langfristig bei der Stange halten möchte. Tatsächlich versteht sich das Spiel als eines der modernen Games as a Service Titel. In Sachen Content stehen wir also noch ganz am Anfang, was für mich völlig okay ist. Die Entwickler sollten sich die Kritik allerdings zu Herzen nehmen und künftigen Content etwas abwechslungsreicher gestalten. Hierfür bieten sich meiner Meinung nach vor allem die Festungen an. Künftige Festungen könnten zum Beispiel schwerere Bossmechaniken einbringen, die mehr Movement, Teamwork und Strategien verlangen.

Ein weiterer guter Ansatzpunkt ist das Freie Spiel. Dort gibt es Weltenereignisse, die mich an die Events in Guild Wars 2 erinnern. Das Event-System dort ist gelungen. Auch Anthem macht diese Sache nicht verkehrt, hat aber noch etwas Luft nach oben. Es gibt wenige Events, zu wenig Abwechslung und nicht selten auch einfach zu wenige Hinweise auf solche Ereignisse. Oft bekommt ihr sie erst angezeigt, wenn ihr schon fast mittenrein gestolpert seid. Schade! Auch dürfen sich immer nur wenige Spieler auf einer Karte tummeln. Die Events scheinen allerdings nicht zu skalieren, weshalb sie allein teilweise sehr zäh sein können. Sind die Spieler über die Karte verteilt, kann so Frust entstehen.

Ebenfalls verbesserungswürdig ist die technische Seite des Spiels. Ich zocke Anthem auf der Xbox One X. Da sind zunächst die Ladezeiten. Ist das Spiel auf der Festplatte der Konsole installiert, sind die ziemlich lang. Auf einer schnellen externen Festplatte sind sie hinnehmbar, aber immer noch nicht als angenehm kurz zu bezeichnen. Zudem kommt es selbst auf der Xbox One X teilweise zu spürbaren Einbrüchen der Framerate. Bei starken Effektgewittern rauscht die Framerate nach unten und das Spiel ruckelt. Derlei Vorfälle sind zum Glück selten. Gerade in den höheren Schwierigkeitsgraden aber lästig.

Zu guter Letzt würde ich mir noch einige Änderungen in Sachen Gameplayfeinheiten wünschen. Gerade zu Spielbeginn fühlt sich der Fortschritt nicht als solcher an. Ihr bekommt zwar mehr Platz zur Ausrüstung eures Javelin, aber das Spiel vermittelt nicht das Gefühl, dass sich dadurch etwas für euch ändert. Interessanter wird es erst, wenn ihr in den Stufen hoch genug klettert, um einen weiteren Javelin auswählen zu dürfen. Bis ihr schließlich alle vier Arten nutzen könnt. Die Javelin können mit Klassen in anderen Spielen verglichen werden. Der Interceptor ist schnell und kann vor allem im Nahkampf kräftig austeilen. Der Ranger ist eine Art Allrounder, der Storm setzt auf Fernkampf und der Colossus ist eine Art Tank, der reichlich einstecken kann und obendrein mehreren Zielen Schaden zufügt.

Mit der Freischaltung vom zweiten Javelin entwickelt sich das Spiel angenehm und ermöglicht mehr Variation beim Spielstil. Bis dahin ist es ein wenig abwechslungsarm in dieser Hinsicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Loot dem Zufall überlassen bleibt. Es gibt einiges an verschiedenster Ausrüstung wie Wurfsterne, Kontaktminen und Co. Der Loot wird aber erst besser, je höher eure Stufe ist. Gerade zu Beginn habt ihr also mit Pech kaum Spielraum und könnt so auch nicht mit den verschiedensten Ausrüstungsgegenständen spielen.

Generell würde ich mir in dieser Hinsicht mehr Möglichkeiten wünschen, Dinge gezielt freizuschalten. Es gibt zwar einen Händler mit regelmäßig wechselnden Angeboten für kosmetische Dinge, sonst setzt das Spiel aber primär auf Zufall. Es ist ganz angenehm, wenn manche Dinge gezielt erspielt werden können. Ich laufe dafür auch gerne eine Festung mehrfach und immer wieder. Nur Katzen im Sack sind nicht immer eine tolle Motivation. Diesbezüglich hat das Spiel mit einem Update inzwischen etwas nachgebessert. Dennoch würde es nicht schaden, zum Beispiel ein paar Festungs-exklusive Skins, Gegenstände und andere Spielereien zu bringen, die dem Lootsystem etwas vom noch immer hohen Randomfaktor nehmen – beziehungsweise diesen in eine andere Richtung lenken. Random ist per se kein Problem, darf aber gern mehr Variablen und Feinheiten bieten. Liebe Entwickler, gebt mir einen Grund, warum ich ausgerechnet diese eine Festung immer wieder laufen soll und nicht einen beliebigen Content.

Anthem Screenshot

Mein Fazit:

Über Anthem wurde in den letzten Wochen ziemlich heftig diskutiert. Debatte hin oder her – ich hatte und habe meinen Spaß mit dem Spiel. Ich mag das schnelle Gameplay und die knackig schnellen Missionen. Als Mutter schwankt die Zeit, die ich für Spiele habe, sehr stark. Trotzdem liebe ich Games. Umso schöner ist es, wenn ich ein Spiel einlegen kann und auch mit kleinem Zeitfenster eine Mission oder Festung abschließen kann.

Neben dem schnellen Gameplay gefällt mir vor allem die Spielwelt gut. Diese ist interessant und erstreckt sich auch in die Höhe, wodurch die Flugmöglichkeit der Javelins gut zum Tragen kommt. Die Javelins fühlen sich mächtig an, vermitteln aber nicht das Gefühl, unsterblich zu machen. Im Gegenteil, ab schwer ist Anthem angenehm fordernd.

Trotz meiner Begeisterung für Anthem, sind ein paar Kinderkrankheiten nicht von der Hand zu weisen. Derzeit fehlt es beim Missionsdesign noch an Abwechslung. Da sich das Spiel als ein Games as a Service Produkt versteht, bringen künftige Updates hoffentlich mehr Variation. Auch technisch ist noch Patchpotenzial da. Trotz Xbox One X bricht die Framerate vor allem bei Effektgewittern gelegentlich ein. Das häufig diskutierte Lootsystem ist dank Updates bereits besser geworden, darf aber gern noch etwas verfeinert werden.

Mit Anthem hat mich – trotz Kinderkrankheiten – zum ersten Mal ein Games as a Service Spiel ansprechen können. Das schnelle und unkomplizierte Gameplay trifft genau meinen Nerv. Ob das Spiel dauerhaft überzeugen kann, hängt natürlich maßgeblich davon ab, was künftig für Content kommt und ob dieser überzeugen kann. Für den Moment bleibt das Spiel definitiv auf meiner Festplatte. Schon in den kommenden Wochen legen die Entwickler nach. Wenn BioWare die Kritik der Fans annimmt und in Sachen Variation künftig noch etwas mutiger wird, kann aus dem holprigen Start ein Happy End werden. Vorerst ist Anthem ein interessantes Grundgerüst, mit Ecken und Kanten.

Bildquelle: Electronic Arts

Offenlegung: Für dieses Spiel hat mir Electronic Arts das Spiel kostenlos zur Verfügung gestellt.

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Daniel Hill

Ich möchte nichts kritisieren was ich selbst nicht erlebt habe, aber ich habe mir schon einige Stream’s angeschaut und ich muss zugeben, ich bleibe lieber bei Destiny…

Hammergrafik, aber das andere Alles. Nee.