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Need for Speed Heat Review

Entwickler:         Ghost Games
Publisher:          Electronic Arts
Genre:              Rennspiel, Arcaderacer
Plattformen:        PC, PlayStation 4, Xbox One
Preis:              ca. 49,99 Euro
Offizielle Website: https://www.ea.com/de-de/games/need-for-speed/need-for-speed-heat

Rasant zurück zu alter Stärke

Need for Speed, Tony Hawk, Midnight Club, Burnout … diese und einige andere Spielereihen begleiten mich durch meine Jugend. Besonders hoch stand Need for Speed im Kurs, da ich viel Zeit mit meinem Bruder verbrachte, der sich für Autos interessierte. Wir fachsimpelten über Autos, stritten, spielten Autoquartette, blätterten durch Tuningmagazine, verfolgten die Formel 1 im Fernsehen und verliehen unserer Begeisterung für Ferrari und Michael Schuhmacher mit Fahnen Ausdruck, die zu jedem Rennwochenende aus unseren Kinderzimmerfenstern hingen. Auf dem Kopf nicht selten ein passendes Cappy. So gern mein Bruder und ich auch stritten, das Interesse an Autos einte uns. Wegen Filmen wie The Fast & Furious träumten wir vom eigenen Auto mit optischem Tuning und viel Power. Grelles Neon, röhrender Sound, viel PS unter der Motorhaube … aus diesem Stoff wurde damals so mancher Traum gemacht.

Need for Speed passte perfekt in diese Zeit. Rasante Verfolgungsjagden mit der Polizei, viele Pferdestärken unter der Haube und auffällige Karren, die mit getönten Scheiben, leuchtenden Neonlichtern, tiefergelegter Karosserie und schicken Felgen imposant aussahen. Die goldene Ära der Arcaderacer, eine schöne Zeit, die leider abrupt endete. Mit Need for Speed ging es steil bergab, Midnight Club verschwand von der Bildfläche und Burnout verblasste. Neue Marken wie Project Gotham Racing, Project Cars, Forza und Co. erschienen auf der Bildfläche. Viele gute Rennspiele erblickten das Licht der Welt. Die alte Garde schuf Platz für neue Dinge.

Need for Speed war nie richtig weg. Die letzten Jahre war die Reihe jedoch nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mit Need for Speed Heat besinnt sich die Reihe endlich wieder auf alte Stärken und zeigt, wie ein modernes und doch typisches Need for Speed aussehen kann. Die Reihe knüpft endlich wieder an alte glanzvollere Tage an, statt sich an Experimenten zu versuchen.

In Need for Speed Heat werdet ihr zum Racer. Ihr beginnt eure Karriere als No Name und könnt euch aus einer bescheidenen Anzahl an Fahrzeugen eines aussuchen. Ich habe mich für einen Mustang entschieden. Zur Auswahl stehen außerdem ein Nissan und ein BMW M3. Als Schauplatz dient die Stadt Palm City. Illegale Straßenrennen sorgen dort für Zündstoff, weshalb die Polizei mit Aggressivität gegen die Rowdys auf der Straße vorgeht. Eben jener Stoff, aus dem Need for Sped meiner Meinung nach gemacht sein sollte.

Beginnt ihr zunächst mit fast gar nichts, arbeitet ihr euch Rennen für Rennen an die Spitze. Dabei erlangt ihr einerseits Kohle und andererseits Ansehen. Das Ansehen ist wichtig, damit namhafte Racer der Szene auf euch aufmerksam werden. Das hart erfahrene Geld benötigt ihr für mehr Leistung und neue Wagen. Ein paar optische Upgrades werten eure Karren auch sichtbar auf.

Bei Tag erhaltet ihr vor allem jede Menge Kohle in legalen Rennen. Die Cops spielen hier keine große Rolle. Die Szene lässt allerdings kalt, was ihr dort treibt. Bei Nacht verdient ihr zwar weniger Kohle, dafür aber reichlich Ansehen – und die Aufmerksamkeit der Cops. Erwischen sie euch, nehmen sie die Verfolgung auf– selbst mitten in Rennen. Ihr müsst also nicht nur die Konkurrenz im Blick haben, sondern auch die Gesetzeshüter. Der fließende Übergang von Rennen zu freier Fahrt weiß zu gefallen.

In der Nacht gilt es, die sogenannte Heat-Stufe im Blick zu behalten. Legt ihr euch mit den Cops vom PCPD an, steigt im Verlauf der Nacht eure Heat-Stufe. Je höher die ist, desto schwerer die vom Palm City Police Departement aufgefahrenen Geschütze. Während euch zunächst nur ein einzelner Cop im Nacken sitzt, kommen irgendwann Straßensperren, Hubschrauber und schnelle Polizeiwagen, die bestens ausgerüstet sind, dazu. Folglich wird es auch schwerer zu entkommen. Werdet ihr geschnappt, ist ein Teil eurer Verdienste aus der betreffenden Nacht weg. Daher müsst ihr euch in der virtuellen Nacht stets die Frage stellen, wie weit ihr gehen möchtet und wann die Zeit gekommen ist, in einem Versteck einzukehren und die Nacht zu beenden.

Im späteren Spielverlauf könnt ihr natürlich auch gegen die Polizei aufrüsten, aber dafür müsst ihr zunächst Kohle und Ansehen verdienen. Viele Fahrzeuge und Tuningmöglichkeiten stehen euch nämlich erst zur Verfügung, wenn auch euer Ansehen hoch genug ist. Nicht jeder wird dieses Prinzip mögen, ich persönlich schätze es. Es mag sein, dass das ein wenig altmodisch ist und viele moderne Spiele von Anfang an alles zur Verfügung stellen und nur das nötige Kleingeld voraussetzen, ich finde es allerdings ansprechend, mir die Dinge zu erarbeiten. Es gibt zwar schon sehr früh einige meiner Meinung nach tolle Autos, aber die wirklich coolen Sachen kommen erst später. Need for Speed Heat gibt mir einen Grund, meine Reputationsstufe zu steigern und Rennen zu fahren, außer schnödes Geld. Möchtet ihr den Asphalt nicht allein unsicher machen, könnt ihr online die offene Spielwelt betreten und zusammen mit anderen Spielern Rennen fahren. Einen Onlinezwang gibt es nicht. Bei Spielstart dürft ihr auswählen, ob ihr online oder offline spielen möchtet.

Da ihr verschiedene Möglichkeiten zum Geldverdienen und für die Erhöhung der Reputationsstufe habt, stößt hier auch kein Spieler auf Probleme. Neben Rennen gibt es Drifts, Blitzer, Geschwindigkeitszonen, Sprungmöglichkeiten und eine Reihe von Sammeldingen. Sammelt ihr diese ein, werdet ihr mit einigen optischen Spielereien belohnt. Optisches Tuning spielt eine angnehm große Rolle im Spiel. Ihr könnt farbiges Neon verbauen, euer Nitro mit Farbeffekt ausstoßen, schicke Felgen montieren und natürlich auch Designs auf eurem Auto anbringen. Es gibt einige Möglichkeiten, euer Auto nach eurem Geschmack zu gestalten.

Gerade am Anfang dürfte das Geld allerdings vor allem ins Leistungstuning fließen. Euer erstes Auto ist nicht lange konkurrenzfähig. Schon bald stoßt ihr auf Gegner, die Autos mit deutlich höherem Leistungsindex fahren. Um da mithalten zu können, müsst ihr umrüsten. Zum Beispiel mit einem neuen Motor. Verdientes Geld fließt zumindest bei mir meist direkt ins Auto. Dafür könnt ihr ein ganzes Weilchen an einem liebgewonnenen Fahrzeug festhalten.

Tatsächlich wirft euch das Spiel in den ersten Stunden weder Geld noch Autos nach. Später gibt es zwar einige Farmmöglichkeiten, aber ich empfand den zunächst gemächlichen Fortschritt als angenehm, da es gut zum Spiel passt. Sofern ihr von Farmmöglichkeiten die Finger lasst, wird dies auch noch viele weitere Spielstunden so bleiben. Autos und Kohle werden dem Spieler nur dann inflationär nachgeschmissen, wenn der es auch darauf anlegt. Dieser Aspekt gefällt mir ausgesprochen gut, vor allem nachdem ich so viel Zeit mit Forza Horizon 4 verbracht habe. Selbst mein Sohn hat dort fast 300 Autos im Fuhrpark. Dabei fährt er wenig, selten und quasi keine Events.

Natürlich ist Forza Horizon 4 deshalb nicht schlecht und auch so etwas hat ohne jede Frage seinen Vorteil. Ich habe aber eine ganz andere Bindung zu meinem alten Mustang in Need for Speed Heat als zu den Bergen an Autos in meiner Horizon 4 Garage. Jedes in Heat gefahrene Auto habe ich mir erspielt, indem ich seinen Vorgänger eine Weile verwendet und aufgemotzt habe.

Need for Speed Heat ist einfach ein cooler Arcaderacer alter Schule. Dies hat aber auch seine Schattenseiten. Zum Beispiel die Steuerung. Das Motto könnte „Wer bremst verliert“ heißen. Bremsen spielt eine extrem untergeordnete Rolle im Spiel, um nicht zu sagen quasi keine. Es gibt ein paar Kurven, da lohnt es sich tatsächlich mal vom Gas zu gehen und die Bremse zu nutzen, aber meist ist es sinnvoller, geschickt abzukürzen und frühzeitig einzuschlagen und so auf das Bremsen zu verzichten. Wer nicht wie ich mit Arcaderacern aufgewachsen ist und sonst eher modernere Arten von Rennspielen zockt, wird hier wohl zunächst schockiert sein. Fahrerisches Können, Wissen über das Verhalten von Autos und Co. sind hier kein Thema. Das Spiel ist durch und durch arcadig. Für mich persönlich überhaupt kein Problem. Für künftige Ableger wären ein paar Abstufungen über Einstellungen aber sicher nicht verkehrt, um die Zielgruppe zu erweitern. In der Hinsicht haben Spiele wie Gran Turismo, Forza Motorsport und Horizon die Nase klar vorn.

Was mich auch manchmal stört, ist der viele Regen in Kombination mit Nachtrennen. Natürlich sehen diese Szenerien optisch schick aus. In Verbindung mit den vielen grellen Lichtern sind sie aber auch manchmal schwierig. Need for Speed Heat ist ein bunt schillerndes Vergnügen für die Augen, welches durchaus schick aussieht. Ich selbst kämpfe aber gesundheitlich bedingt mit einigen Problemen, die meine Augen betreffen. Bisweilen bin ich lichtempfindlich und meine Sehkraft ist nicht mehr so gut wie einst. Nach einer Weile Nacht in Need for Speed Heat benötige ich eine Pause. Hier hilft auch eine entsprechende Einstellung, die diese Lichteffekte reduziert, nur bedingt. Grundsätzlich finde ich es vorbildlich und lobenswert, dass das überhaupt von den Entwicklern bedacht wurde und eine solche Option zur Verfügung steht. Sie ist aber leider nicht ausreichend. Auch hier würden sich eventuell Stufen anbieten. So könnte jeder für sich entscheiden, wie stark er diesen Effekt entschärfen möchte.

Alternativ wären weniger Nachtrennen bei Regen hilfreich. So hübsch es ist, durch die vielen Spiegelungen und die grellen Lichter wird damit nicht jeder dauerhaft seine Freude haben – oder wie ich nur mit genügend Pausen. Wer solche Probleme nicht hat, dürfte sich daran nicht stören – da es wie bereits erwähnt toll aussieht. Ich finde es schade, wenn ich das Spiel mal wieder nur beende, weil meine Augen nicht mehr können. Spaß macht es mir nämlich verdammt viel. Heat ist genau mein Ding und viel mehr, als ich mir von Need for Speed überhaupt noch erhofft hatte.

Für mich sind dies die zwei gravierendsten Baustellen des Spiels. Dazu gesellen sich ein paar kleine Macken und Wehwehchen, die nur bedingt der Rede wert sind. Einige wenige Checkpoints in Rennen sind ungünstig gesetzt oder aus der Ferne schwer einsehbar. Außerdem wiederholen sich Dialoge der NPCs ständig, wenn ihr nicht strikt der Story folgt. Ich persönlich habe viel Zeit mit der Erkundung von Palm City verbracht. Irgendwann hört man dann zum xten Mal die aktuellen Dialoge, was etwas merkwürdig ist. Die Charaktere sind übrigens Stereotypen. Story und Cast gewinnen mit Sicherheit keine Preise, darüber kann in einem Rennspiel aber hinweg gesehen werden. Mir würde spontan kein Rennspiel mit herausragender Story einfallen – und ich habe verdammt viele gezockt. Auf der Xbox One X neigt die Framerate zudem manchmal zu Einbrüchen.

Mein Fazit:

Ach Need for Speed, warum nicht all die Jahre zuvor so? Endlich ist die Reihe wieder da angekommen, wo sie einst stand. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Freude mit einem Need for Speed. Endlich wieder ein geiler Arcaderacer alter Schule, der mich stundenlang vor den Bildschirm fesselt. Rasante Verfolgungsjagden mit den Cops, optisches Tuning, ein überzeugender – wenngleich nicht übermäßig großer – Fuhrpark und ein tolles Setting ergeben ein stimmiges Gesamtpaket. Als alter Arcaderacerhase bin ich verdammt glücklich mit Need for Speed Heat. Auch der Soundtrack fetzt und die Story passt. Klar, die gewinnt keinen Preis, aber wer erwartet so etwas von einem Rennspiel?

Ein paar Wermutstropfen gibt es trotzdem. Die Steuerung ist extrem arcadig, egal ob bei Rennen oder Drifts. Für mich kein Ding, da ich damit großgeworden bin, aber für andere Spieler sicher wenig reizvoll. Für künftige Ableger wären breit gefächerte Einstellungsmöglichkeiten nicht verkehrt. Außerdem ist die Reduzierung der Lichteffekte durch eine entsprechende Einstellung meiner Meinung nach nicht ausreichend. Diese hilft mir zwar, ist aber für Spieler mit entsprechenden Problemen eventuell nicht genug. Need for Speed Heat habe ich bisher nicht einmal beendet, weil ich genug davon hatte, sondern stets, weil meine Augen eine Auszeit nötig hatten. Solltet ihr lichtempfindlich sein und /oder Probleme mit vielen Spiegelungen und Lichtern haben, lege ich euch daher die Demo vor dem Kauf ans Herz.

Davon abgesehen, ist es für mich ein gelungener Arcaderacer, so wie ich mir ein solches Spiel vorstelle. Das Spiel füllt eine Lücke aus, die viel zu lange viel zu leer war. Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich richtig Spaß mit Need for Speed und hoffe auf einen ebenso spaßigen Nachfolger. Danke liebe Entwickler.

Offenlegung: Für dieses Review hat Electronic Arts das Spiel kostenlos zur Verfügung gesetellt.

Bildquelle: Electronic Arts

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