Pokémon Schwert und Schild „Die Insel der Rüstung“ Review

Auf zu neuen Ufern

Schon Pokémon Schwert und Schild haben mit einigen Traditionen der Reihe gebrochen. Mit dem Erweiterungspass gehen die Entwickler diesen Weg konsequent weiter. Der Erweiterungspass ist ein Novum. Noch nie gab es für Editionen umfangreiche DLCs. Üblich war lange eine dritte Edition. Als Kind erschien mir die Spielwelt von Pokémon gigantisch und die Geschichte episch. Ich zog aus, um die allerbeste Pokémon Trainerin zu werden, wollte am Ende als gefeierter Champion auf mein Abenteuer zurückblicken und mir natürlich alle Pokémon schnappen. Später wurde es zunehmend ermüdend, ein Spiel mit fast identischem Inhalt und kleinen Ergänzungen noch ein weiteres Mal zu spielen.

Inzwischen bin ich älter, die Spielwelten erscheinen sehr viel kleiner und die Geschichten deutlich flacher. Die Zielgruppe von Pokémon sind bis heute junge Menschen und nicht ich. Ich bin ihr quasi entwachsen. Hält mich diese Tatsache davon ab, Pokémon nach wie vor zu mögen? Auf keinen Fall. Es sind für mich Feel Good-Spiele, in denen ich meiner Sammelleidenschaft frönen kann. Spiele, bei denen ich abschalten kann, um dem stressigen Alltag kurz zu entfliehen. Die Rolle epischer RPGs haben andere Spiele eingenommen, meine Freude an Pokémon trübt dies aber nicht. Als Kind sieht man die Dinge mit anderen Augen. Ein „Sara, die kleine Prinzessin“ ist auch kein „Anna Karenina“. Letzteres hätte mich als Kind aber genauso überfordert, wie ein Pathfinder: Kingmaker.

Umso erfreulicher finde ich den Wandel, den Pokémon Schwert und Schild gebracht haben. Endlich entfernt sich die Reihe weg vom engen Korsett und der Jahrzehnte angewandten Formel. DLCs sind zeitgemäßer und ermöglichen dem Spieler, neue Abenteuer zu erleben, ohne dafür bereits erlebte Dinge noch einmal spielen zu müssen. Ihr könnt im DLC „Die Insel der Rüstung“ direkt in das neue Abenteuer auf der Rüstungsinsel starten. Die neue Region umfasst einige Gebiete, die recht abwechslungsreich sind.

Auch bei der Geschichte verzichten die Entwickler auf die übliche Formel. Orden sammelt ihr hier nicht. Stattdessen verschlägt es euch in ein Dojo. Dessen Meister stellt euch drei Prüfungen, für die ihr verschiedene Orte auf der Insel aufsuchen müsst. Schon früh im Spielverlauf erhaltet ihr das ganz neue Pokémon Dakuma, welches sich instant auf die Liste meiner Lieblingspokémon katapultiert hat. Geschmäcker sind freilich verschieden. Dakuma gefällt mir nicht nur deshalb, weil es ganz niedlich aussieht, sondern auch weil es eine tragende Rolle in der Geschichte spielt.

Viele Pokémon in den Spielen haben keine „Gesichter“. Ihr fangt sie und rührt sie nie wieder an. Sie verstauben in einer PC-Box, da sie nicht gebraucht werden. Auf der Rüstungsinsel findet ihr mehrere Türme, in denen euch Prüfungen erwarten. Ihr müsst entscheiden, welche ihr ablegt und legt damit zugleich die Entwicklung von Dakuma fest. Wulaosu – so heißt seine Entwicklung – kann den fließenden oder fokussierten Stil annehmen, was den zweiten Typ des Taschenmonsters bestimmt. Die Story der Erweiterung ist kurz, aber es ist erfreulicherweise nicht mehr von dem, was Fans seit Jahren kennen. Zusätzliche Spielzeit lässt sich mit Raids und der Jagd nach Pokémon anhäufen. Die Story bietet nicht mehr Tiefe als die vom Hauptspiel, ist aber erfrischend anders.

Hier und dort merkt man auch beim Erweiterungspass, dass das alles ein Stück weit Neuland für Pokémon ist. Das Einschlagen der neuen Richtung funktioniert nicht immer ohne Kinderkrankheiten. Da ist zum Beispiel die Stufe der wilden Pokémon. Die ist mit 60 zu niedrig für mich gewesen, da ich zum Start bereits das Hauptspiel abgeschlossen hatte und einige Zeit in der Naturzone verbracht habe. Freilich hätte ich das Team wechseln können. Viele Pokémon-Spieler dürften aber an ihrem Team hängen. Hier bin ich keine Ausnahme. Eine ausgefeiltere Skalierung wäre gut gewesen.

Das Level von Dakuma beim Erhalt verwundert ebenfalls. Das Taschenmonster ist gerade einmal Stufe 10. Ich soll eine Bindung zu Dakuma aufbauen, kann es aber nicht im Kampf gebrauchen, da die wilden Pokémon 50 Stufen höher sind. Betretet ihr die Rüstungsinsel vor dem Abschluss des Hauptspiels, mag dies wie von den Entwicklern vermutlich angedacht funktionieren, da die wilden Pokémon in diesem Fall ein deutlich niedrigeres Level haben. Letztlich habe ich Dakuma mit Bonbons auf Level 100 gefüttert, da ich davon genug habe.

Auch optisch ist noch Luft nach oben. Zwar sind die Gebiete grundsätzlich abwechslungsreich, aber karg und zu detailarm. Selbst die Performance lässt zu Wünschen übrig, was nicht dem frischen Wind geschuldet sein dürfte. Technisch geht hier mehr. Spiele wie Breath of the Wild und Xenoblade Chronicles 2 haben gezeigt, wozu die Nintendo Switch in der Lage ist. Die Pokémon Schwert und Schild „Die Insel der Rüstung“ Erweiterung erscheint daneben eher glanzlos.

Die Nebenaufgaben wirken zum Teil etwas uninspiriert. So sollt ihr etwa 151 Alola-Digda aufspüren, die ihr an ihren aus dem Boden herausragenden Haaren erkennt. Eine Weile ist dies ganz lustig, mit der Zeit sammelt ihr die nur noch im Vorbeigehen. 151 ist natürlich ein nettes Gimmick, in Anlehnung an den PokéDex der ersten Generation. Die Hälfte hätte es dennoch getan. Mir wäre es lieber gewesen, hätten die Entwickler weniger Digda verteilt und lieber zusätzliche Nebenaufgaben integriert, die etwas Abwechslung reinbringen.

Nichtsdestotrotz hat mir die erste Erweiterung Freude gemacht, wie schon zuvor das Hauptspiel. Der frische Wind tut der Reihe gut und ich begrüße es, dass dieser Weg mit der Rüstungsinsel weiterverfolgt wird. Auch die sehr wenigen neuen Pokémon sind völlig in Ordnung. Dakuma und die Entwicklung sind die einzigen neuen Taschenmonster im DLC. Es gibt dank vieler vorheriger Titel einen großen Pool vorhandener Pokémon, deren Auftritt mir genauso viel Freude macht, wie es 100 neue Taschenmonster tun würden. Von daher stört es mich überhaupt nicht, dass fast nur bereits bekannte Pokémon mit dem Erweiterungspass ins Spiel kommen. Dies ist natürlich – wie vieles andere auch – eine Frage des Geschmacks.

Ein paar praktische Funktionen bringt „Die Insel der Rüstung“ ebenfalls mit. Zum Beispiel die Dyna-Suppe, die ihr herstellen könnt. Damit könnt ihr bei Pokémon Gigadynamax auslösen. Auch die Aprikoko kehren zurück. Die besonderen Beeren könnt ihr auf der Rüstungsinsel sammeln, um schließlich daraus Spezialbälle herzustellen. Ihr könnt zudem ein Pokémon als Kumpel auswählen, welches euch dann folgen wird, wie ihr es vielleicht schon aus den Let’s Go!-Spielen kennt. Ein liebgewonnenes Feature, welches ich im Hauptspiel vermisst habe. Einen Pluspunkt gibt es auch für die Möglichkeit, neue Pokémon auch ohne Kauf vom Erweiterungspass erhalten zu können. Ihr könnt euch diese einfach ertauschen.

Mein Fazit:

Pokémon Schwert und Schild „Die Insel der Rüstung“ geht den Weg der Hauptspiele konsequent weiter. Pokémon befreit sich damit ein wenig aus dem engen Korsett und wirft das alte Konzept zumindest teilweise über Bord. Mit dem Erweiterungspass erhaltet ihr zwei Erweiterungen, die in neuen Regionen spielen. „Die Insel der Rüstung“ spielt auf der Rüstungsinsel. Die Insel ist solide und abwechslungsreich, spart nur leider zu sehr mit Details. Ihr dürft euch auf einige zusätzliche Stunden Spielzeit freuen. In denen treibt ihr die Geschichte voran, schließt ein Band zum neuen Pokémon Dakuma und erweitert das Dojo. Daneben gibt es einige Nebenaufgaben und neue Funktionen.

Inhaltlich ist die Erweiterung okay, wenngleich nicht sehr umfangreich. Sie ergänzt ein wenig das Endgame und bringt zahlreiche Pokémon zurück, die bisher in Schwert und Schild fehlten. Wenn ihr Lust auf mehr Pokémon Schwert oder Schild habt, könnt ihr mit dem DLC nicht viel falsch machen.

Die DLCs sind deutlich zeitgemäßer und auch preislich fairer als eine dritte Edition. Auch fliegen Schwert und Schild demnächst nicht in eine Ecke, da diesen Herbst keine neuen Editionen auf den Markt gebracht werden. Stattdessen wird eine zweite Erweiterung folgen. Wünschenswert wäre eine Möglichkeit zum Einzelkauf. Die Pokémon DLCs gibt es nur im Pass.

Bildquelle: Beitragsbild Nintendo, eigene Screenshots aus dem Spiel Pokémon Schild; © Nintendo

Offenlegung: Der Erweiterungspass wurde mir freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt.

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